Mittwoch, 28. November 2012

Mütter, die ihre Kleinkinder in Kitas geben, gelten hierzulande immer noch als „Rabenmütter“ – Warum machen in Schweden das dann alle?

Dieser Beitrag von mir hat einige Diskussionen ausgelöst. Deshalb will ich ihn auch hier nicht vorenthalten ;-)

In Deutschland lehnen 46 % lehnen Krippen ab, gleichzeitig klagt aber jeder 3. über fehlende Plätze in Kinderkrippen und Kindergärten
Balance von Beruf und Familie

Je näher das Ende der Elternzeit rückt oder man in München und anderen Großstädten den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, stellt sich für Millionen Mütter und Väter eine der wichtigsten Fragen: Wer betreut mein Kind, wenn ich arbeiten gehe? Eine große Studie von BILD der FRAU und dem renommierten Allensbach-Institut gibt dazu teils verblüffende Antworten.
Die Studie hat  Deutschland und Schweden zum Thema Chancengerechtigkeit von Kindern vergliechen und heraus kam, dass der Bildungserfolg und damit der Weg in eine berufliche Zukunft in Deutschland sehr stark von der Herkunftsfamilie abhängt. Mehr als in anderen europäischen Ländern.

Für das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind aber diese Ergebnisse der Studie interessant:
So findet fast jeder zweite Deutsche (46 %), dass Kinder unter drei Jahren ausschließlich zu Hause betreut werden sollen! Hier sind es vor allem Westdeutsche, die mit 52 % Krippen ablehnen. Im Vergleichsland der Studie Schweden, einem Vorzeigeland in puncto Familienförderung, sind dagegen die meisten Eltern davon überzeugt, das auch kleine Kinder vom Besuch einer Betreuungseinrichtung profitieren.  Eine große Mehrheit der Deutschen scheint immer noch der Meinung zu sein, dass ein Kind unter der Berufstätigkeit der Mutter oder beider Elternteile leidet.
Nur ein Viertel der unter 3 jährigen besucht in Deutschland eine Kinderbetreuungseinrichtung. Sei es aus oben genannten Gründen oder weil schlicht und ergreifend Plätze fehlen. Schweden verzeichnet dagegen Betreuungsquoten von über 90 % für 2 jährige. Hier stellen aber auch ein landesweiter Lehrplan und Qualitätssicherungssysteme eine gute Förderung der Kinder in Krippe und Kindergarten sicher.
Hierzulande sind dagegen viele Eltern unzufrieden mit der Kinderbetreuung! So beklagt jeder Dritte (immerhin 34 %) die fehlenden Plätze, in Großstädten sogar jeder Zweite. 40 % fordern, die Betreuungszeiten müssten ausgeweitet werden. Doch 63 % sagen. Dass die Kinder werden gut gefördert.
Nimmt man diese Zahlen, so überrascht es, dass sich 49 % für eine Kindergartenpflicht für 3- bis 6-Jährige aussprechen, 77 % sogar Ganztagsbetreuungsplätze fordern und sich 63 % wünschen, dass der Besuch kostenlos ist.
Doch was genau möchten die Eltern? Für 91 % der Eltern ist das Wichtigste, dass die Kinder in einer Betreuungseinrichtung Spaß haben. 84 % wollen, dass sie auch gefördert werden, 74 %, das sie gut auf die Schule vorbereitet werden.
Aber was heißt gefördert und gut vorbereitet? Hier gehen die Meinungen in Ost und West auseinander. 53 % der Westdeutschen sind überzeugt, dass ein Kind leidet, wenn die Mutter berufstätig ist. Im Osten sind dieser Meinung nur 18 %.

Leider entfacht immer gleich eine Grundsatzdiskussion, als gebe es entweder nur ein dafür oder dagegen. Jesper Juul bezeichnet dies in einem Spiegel Artikel treffend als “Zickenkrieg”. Schade. Warum können wir nicht die Eltern selber entscheiden lassen, wann und ob sie ihre Kinder in eine Betreuung geben. Dass die Kinder von anderen Kindern lernen steht ausser Frage. Nur müssen die Rahmenbedingungen überall auch stimmen, um den Eltern überhaupt eine Wahl zu ermöglichen. Wenn ich keinen Betreuungsplatz finde oder ihn mir nicht leisten kann oder mein Arbeitgeber auf starre Zeiten beharrt, dann habe ich keine Wahl.

Fehlende Möglichkeiten Beruf und Familie zu vereinbaren, zu wenig Kinderbetreuungsplätze, eine Präsenzkultur in den Firmen – all das führt auch dazu, dass Familien in Deutschland mehrheitlich immer noch ein traditionelles Rollenmodell leben. Immer noch arbeiten nur 14% der Mütter mit Kindern unter 12 Jahren Vollzeit, 40% sind überhaupt nicht berufstätig. Vergleicht man auch dies mit Schweden, so arbeiten dort 53 % der Mütter Vollzeit und nur 19 % sind bei nicht erwerbstätig. Was läuft also falsch in Deutschland? Stellen sich doch familienbewusste Unternehmen in allen relevanten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen eindeutig besser dar. Als Unternehmen mit familiärem Klima erreichen Sie eine um 17 Prozent höhere Mitarbeiterproduktivität. Zudem verschaffen Sie sich mit dieser Strategie einen Vorteil auf dem immer enger werdenden Personalmarkt, wo in einigen Regionen (z.B. Großräume München und Stuttgart) und Berufen (u.a. Ingenieure, IT-Fachleute) bereits jetzt die Fachkräfte knapp werden.
Der Trend ist eindeutig: Spätestens ab 2016 wird das Erwerbspersonenpotential in Deutschland insgesamt sinken. Kann es sich ein Land da leisten auf das Potential der Frauen zu verzichten?
Wieso herrscht in deutschen Köpfen noch das „Rabenmutter“ Denken? Und wieso sind schwedische Eltern überzeugt, dass Kleinkinder profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita gehen?

Für Unternehmen gilt: Investieren Sie an den richtigen Stellen!
Das klingt nach viel und hohen Kosten. Doch die Vorteile überwiegen: Letztendlich steht Ihnen in Aussicht Ihr Unternehmen für neue Mitarbeiter attraktiver zu machen, die vorhandenen Leistungsträger zu sichern und Kosten zu sparen, die durch Know How Verlust, Fluktuation und Einarbeitung neuer Mitarbeiter entstanden wären. Lassen Sie also nicht erst Ihre gut eingearbeitete Mitarbeiterin in die Elternzeit gehen, sondern planen Sie schon vorher ihren Wiedereinstieg und binden Sie sie ans Unternehmen. Damit nicht andere Ihr Know How abschöpfen.



Kommentare zur Studie:
Prof. Renate Köcher, Leiterin des Institut für Demoskopie Allensbach: „Wir Deutschen können von den Schweden lernen, die Elternaufgabe entspannter zu sehen. Aber auch die deutsche Politik ist gefragt: Die Schweden haben ein viel größeres Betreuungsangebot für Kleinkinder und einen unglaublich hohen Qualitätsstandard in den Einrichtungen, das schafft Vertrauen und Sicherheit für die Eltern. In Deutschland dagegen haben besonders Frauen immer noch das Gefühl, dass sie sich zwischen Job und Familie entscheiden müssen– weil sie Angst haben, ihrem Kind zu schaden, wenn sie es einer Kita anvertrauen, weil sie dem Rabenmutter-Vorwurf ausgesetzt sind und weil es schlicht und einfach viel zu wenige Betreuungsoptionen gibt.“
 
Sandra Immoor, Chefredakteurin BILD der FRAU: „Einmal im Jahr gehen wir als Deutschlands größte Frauenzeitschrift einem Thema wissenschaftlich auf den Grund. Einem Thema, das nicht nur unsere sechs Millionen Leserinnen und Leser bewegt – sondern die ganze Gesellschaft. Wir wollen mit der Studie einen Anstoß geben, das Thema Bildungspolitik weiter zu diskutieren und ganz oben auf die Agenda zu setzen. Es sollte eines unserer wichtigsten Ziele sein, allen Kindern Chancen zu bieten, sie zu fördern und stark zu machen.“

Über die Studie
Die Studie „Chancengerechtigkeit durch Förderung von Kindern – ein deutsch-schwedischer Vergleich“ wird von BILD der FRAU im Rahmen der Studienreihe „BILD der FRAU-Frauenbilder“ veröffentlicht. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat in einer repräsentativen Studie Menschen in Schweden und Deutschland zu Betreuung, Förderung und Erziehung von Kindern befragt. Unterstützt wurde die Studie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Zwischen dem 4. und 19. Mai 2012 wurde in Deutschland eine bevölkerungsrepräsentative Stichprobe von 1.835 Personen ab 16 Jahre mündlich-persönlich befragt. Auch in Schweden wurde vom 17. Mai bis 24. Juni 2012 ein repräsentativer Querschnitt der 16- bis 74-jährigen Bevölkerung von 1.058 Personen mündlich-persönlich interviewt.



Dazu ein Kommentar von Stephanie Bilges für Bild.de
Sind wir ein altmodisches Volk?
Diese Studie wird viele überraschen: Fast die Hälfte der Deutschen lehnt es ab, Kinder unter drei Jahren in eine Krippe zu schicken.
Vor allem in Westdeutschland ist die Mehrheit überzeugt: Ist die Mutter berufstätig, schadet das dem Kind. Heißt das, wir sind ein rückständiges, altmodisches Volk? Nein! Viele Eltern sind überzeugt, dass gerade in den ersten Jahren eine Betreuung zu Hause das Beste ist.
Und wer seine Kleinsten in fremde Hände gibt, will verständlicherweise sichergehen, dass sie optimal betreut werden. Und das ist bei uns noch lange nicht der Fall! Fehlende Plätze, lange Wartezeiten, zu wenig Erzieher, zu große Gruppen – Deutschland hat es jahrzehntelang versäumt, in qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu investieren.
Umso wichtiger, dass die Politik das Problem endlich anpackt! Denn Familien mit Kindern sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Sie zu unterstützen muss oberstes Ziel sein.

 Vereinbarkeit von beruf und Familie

Download der Studie
http://www.axelspringer.de/downloads/14565522/BdF_Studie_final_freigegeben.pdf
Download einer Kurzfassung der Studie
http://www.axelspringer.de/downloads/14565526/BILD_der_FRAU_Studie_Chancengerechtigkeit_Zusammenfassung.pdf
Quellen: http://www.axelspringer.de/presse/Studie-von-BILD-der-FRAU-und-Allensbach-Deutsche-glauben-nicht-dass-sozialer-Aufstieg-moeglich-ist_16529142.html
Bild.de