Freitag, 5. Juli 2013

»Ich trödele niemals, es sei denn, ich nehme es mir vor«



»Ich trödele niemals, es sei denn, ich nehme es mir vor«

Gastbeitrag von Antje Diller-Wolff

„Wenn Frauen die scheinbar ausschließliche Entscheidung zwischen Beruf und Kind
treffen, sind sie oft unglücklich. Sie können sicher sein: ein wichtiger Teil ihres Lebens
wird bald fehlen, egal, welche Wahl sie treffen.
In meinem Buch Rabenmütter und Heimchenväter - Von Frauen mit Kind im Beruf und Männern in Elternzeit wollte ich beide Seiten zeigen: die der berufstätigen Mütter, die
entgegen der landläufigen Meinung nicht 100 Prozent geben, sondern 200. Außerdem
wollte ich Väter in Elternzeit offen erzählen lassen, Männer, die bisher geliebte
Berufe ganz bewusst ausgesetzt haben, während ihre Frau in Vollzeit dem Beruf
nachging.
Der Titel des Buches ist natürlich provokant. Eine Rabenmutter – im Volksmund
eine schlechte Mutter – ist in meinen Augen eine starke, liebevolle, Frau, die beides
liebt: ihre Familie und ihren Beruf. Der Begriff »Heimchenväter« ist eine Eigenkreation
und aus dem »Heimchen am Herd« entlehnt, ein Begriff, der bisher nur Frauen
beschrieb. In meinem Buch sind die Männer die Heimchen in Elternzeit.

Der Begriff »Rabenmütter« ist eher negativ belegt – sind Raben wirklich so schlechte Eltern?
Ganz im Gegenteil: Raben sind in Wahrheit liebevolle und hingebungsvolle Eltern,
besonders in den ersten Lebenswochen, wenn die Kleinen noch völlig hilflos sind.
Sie erziehen jedoch ihre Jungen früh zur Selbstständigkeit, indem sie sie aus dem
Nest »ins kalte Wasser« werfen. Dabei beobachten sie sie aus dem Hintergrund und
greifen ein, wenn es nötig ist.
Bekennende »Rabenmutter« zweier Kinder und als erfolgreiche Medienfrau beruflich stark eingebunden »Wie machst du das nur?« werde ich so oft gefragt. »Und zum Sport gehst du auch noch?« Mein Ärger über diese Fragen mit dem latent vorwurfsvollen Unterton ist mittlerweile so groß, dass ich zurückfragen möchte: »Und warum machst du das
nicht?«
Viele Menschen verstehen nicht, wie es machbar ist, trotz eines Berufs intensive
Zeit mit den Kindern zu verbringen. Es gehören viel Disziplin und Organisation
dazu. Während andere Mütter noch schlafen, sitze ich schon am Schreibtisch.
Wenn sie abends vor dem Fernseher aufs Sofa sinken, setze ich mich an meine Arbeit.
Auf dem Stepper im Fitnessstudio erledige ich E-Mails und lese Fachliteratur.
Auf Autofahrten telefoniere ich viel geschäftlich und pflege private Kontakte.
Bei mir bleibt kaum eine Minute ungenutzt. Ich trödele niemals, es sei denn, ich
nehme es mir vor. Mein Tempo sei eines, bei dem man kaum mithalten könne, werfen
mir manche Frauen vor. Die, die ähnlich schnell sind und es genauso machen,
sind gute Freundinnen und Geschäftspartnerinnen, manche sogar beides. Und sie
haben Kinder. Mein Job erlaubt es mir oft, mir meine Arbeitszeit einzuteilen. Das
bedeutet für mich, häufig zu arbeiten, wenn andere noch schlafen oder schon Pause
machen.
Mir ist klar, dass dies nicht in jedem Beruf möglich ist. Und es gehören Fleiß und
Disziplin dazu, die man einbringen muss. Ich breche keinen Stab über die, die weder
diesen Kraftaufwand auf sich nehmen möchten, noch das Tempo durchhalten.
Ich möchte aber betonen, dass es möglich ist. Zu welchem Preis, muss jede Frau für
sich entscheiden. Ich verzichte auf vieles, um meine wichtigsten Lebenssäulen zu
bewahren: meine Ehe, meine Kinder und meinen Beruf.

Sie haben für dieses Buch zehn berufstätige Frauen und zehn Männer in Elternzeit interviewt.
Erzählen Sie uns etwas über Ihre Interviewpartner – was für verschiedene Menschen haben Sie getroffen?
Meine Interviewpartner arbeiten in den unterschiedlichsten Berufen: Sie sind
Krankenpfleger, Autor, Bundeswehrarzt, Orchestermusiker, Pädagogin, Managerin,
Künstlerin und Übersetzerin. Die meisten Eltern in meinem Buch haben mindestens
zwei Kinder und ein stressiges, aufreibendes Leben, mit allen Höhen und Tiefen,
die sich als Paar gut bestreiten lassen. Aber nur, wenn Mann und Frau sich einig
sind. Es klingt so einfach, ist aber das Schwerste überhaupt. Gelebte Gleichberechtigung
– dazu gehört auch, dass Frauen gewisse Aufgaben und damit auchKontrolle abgeben.
Kinderbetreuung

In meinem Buch erzählt beispielsweise ein Manager, wie er von heute auf morgen
den Beruf aufgab, als das Jugendamt anrief und Zwillings-Babys adoptiert werden
konnten. Seine Frau leitete eine große Abteilung, sie blieb im Beruf. Ein Orchestermusiker verrät, wie er es schaffte, seine Bratsche tatsächlich im Schrank einzuschließen,
um sich um seine Tochter zu kümmern. Ein Vater in Elternzeit berichtet,
wie aus ihm ein Tagesvater wurde, er also in einen neuen Beruf einstieg.
Die Mütter in meinem Buch sprechen offen über die schwere Last des schlechten
Gewissens, der Rechtfertigung, der verzweifelten Abwehr gegen Anschuldigungen,
sie könnten ihre Kinder vernachlässigen. Sie erzählen vom unsagbaren Glück, Beruf
und Kinder haben zu dürfen, aber auch von der unbeschreiblichen Last, beidem
gerecht werden zu müssen.

Wenden wir uns zuerst den Müttern zu: Was bewegt Frauen dazu, weiter ihrem Beruf nachgehen zu wollen? Kann man da bestimmte Tendenzen erkennen, was Persönlichkeit, Bildung usw. angeht?

Meine weiblichen Interviewpartner haben Berufe, die ihnen sehr viel bedeuten,
und Kinder, die sie lieben. Sie wollen beides und zerreißen sich dafür. Es ist nicht so
leicht, die Vereinbarkeit zu leben. Es ist nicht so, dass alle Frauen ihre Emotionen
abschalten und kalt lächelnd Karriere machen gehen.
Überhaupt ist dieses »Karriere machen« so schrecklich überzeichnet. Viele Frauen
wollen sich im Beruf entwickeln, streben nach mehr Verantwortung. Nicht alle
Mütter wollen Vorstandsvorsitzende werden. Aber sie haben Ziele: privat wie beruflich.
Es kommen auch Frauen zu Wort, die ihren Beruf behalten wollen, um unabhängig
zu bleiben. Frauen, die bei ihren Müttern miterlebt haben, was es bedeutet,
vom Geld des Mannes abhängig zu sein. Frauen heute machen sich eher Gedanken
über ein Leben im Falle einer Scheidung. Sie möchten nicht nur fremdbestimmt
sein – weder durch Geld noch durch Aufgaben zu Hause.

Vor welchen Problemen stehen die berufstätigen Mütter? Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, um Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen?

HaushaltAlles, was Mütter tun, wird von anderen Müttern auf die Goldwaage gelegt. Bei
berufstätigen Müttern scheint jeder Zug negativ besetzt. Der Generalverdacht
schwebt über uns, wir würden unsere Kinder vernachlässigen.
Frauen wie ich müssen immer betonen, dass ihr Kind nicht zwangsläufig zu kurz
kommt, nur weil die Mutter arbeitet. Der Alltag als 200-Prozent-Frau bringt michoft an meine Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Die Zerreißprobe, der
sich berufstätige Mütter täglich stellen müssen, ist hart. Für dieses Buch haben sie
ganz offen erzählt, wie der Spagat machbar ist, wie oft sie an ihre Grenzen kommen
und was man gegen das schlechte Gewissen machen kann. Ohne einen Mann, der
absolut hinter dem Konzept Vereinbarkeit steht, geht es nicht. Den sollte man sich
rechtzeitig aussuchen, bevor man eine Familie gründet!

Mit dem Thema »berufstätige Mütter und Väter in Elternzeit« treffen Sie den Nerv der Zeit.
Wie erklärt sich diese Aktualität?

Das Elterngeld hat massiv dazu beigetragen, dass Väter mehr Verantwortung übernommen
haben. Da den meisten die Elternzeit viel gegeben hat und sich solche
Erfahrungen herumsprechen, gehen auch mehr Männer in Berufspause, um die
Kinder zu erziehen.
Der demografische Wandel und der verzweifelte Versuch in unserem Land, den
Familien das Kinderkriegen schmackhaft zu machen, sind allgegenwärtig. Das traditionelle
Mutterbild muss aus den Köpfen der Menschen verschwinden und durch ein moderneres ersetzt werden. Und natürlich reden wir hier von kaum ausreichender
Kinderbetreuung und dem noch langsamen Umdenken von Firmen, was
flexible Arbeitsplätze angeht.

Welche Faktoren, gesellschaftlichen Entwicklungen oder politischen Entscheidungen begünstigen, dass Mütter arbeiten und Väter immer öfter in Elternzeit gehen?
Das Elterngeld spielt nach wie vor eine große Rolle und erleichtert manchen die
Entscheidung. Es fängt aber vorher an: Eine Frau muss sich einen Partner suchen,
der ihre Pläne mitträgt und die gleiche Einstellung hat wie sie. Bevor beide eine
Familie planen, müssen sie sich einig sein, wie sie die Kindererziehung aufteilen
möchten. Das Glück, aber auch die Belastung für ein Paar werden mit Kind größer,
die Anforderungen sind hart.
Berufstätige Mütter sollten sich vernetzen und gegenseitig helfen, anstatt sich zu
bekriegen und gegenseitig Lebensmodelle vorzuhalten. Arbeitgeber sollten Frauen
flexible Arbeitszeiten und Heimarbeitsplätze anbieten, anstatt über Fachkräftemangel
zu jammern. Je mehr Frauen Kinder bekommen, ohne ganz auf den Beruf zu
verzichten, und je mehr Väter sich zu Hause einbringen, desto schneller wird das
Thema Vereinbarkeit endlich eines, das beide angeht.

Das Buch ist ein Spiegel der heutigen Gesellschaft, es zeigt sowohl die Entwicklung und das Umdenken bei Vätern, aber auch die immer noch schwierige und nur schleppend anlaufende Akzeptanz von arbeitenden Müttern. Wie könnte man Ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Akzeptanz von neuen Modellen stärken?

Ich fürchte, es braucht Zeit, bis es »normal« wird. Da sich Frauen mit ihren unterschiedlichen
Modellen gegenseitig extrem kritisch beäugen, dauert es, bis man ein
anderes Modell annehmen kann. Es hilft schon allein, wenn sich die Männer immer
mehr einbringen und damit das traditionelle Rollenbild mehr und mehr aufgeweicht
wird.

In Ihrem Buch werden nicht nur unterschiedliche Geschichten erzählt, sondern auch verschiedene Betreuungsmodelle vorgestellt. Welche sind das und was können Mütter und Väter aus Ihrem Buch lernen?
Flexibles Denken ist auch bei den Frauen unerlässlich. Sich zurückzulehnen und
festzustellen, dass der Kindergarten leider nicht die erwünschten Arbeitszeiten abdeckt,
kann nicht das Ende eines Dialogs mit einem potenziellen Arbeitgeber sein.
Bei manchen Müttern spüre ich eine gewisse Erleichterung, wenn sie erzählen, dass
das mit der Stelle nicht klappt, und sie dann kleinere Organisationsschwierigkeiten
als Grund dafür anführen, dass es mit der Rückkehr in den Job immer schwierig ist.
Und dann gehen wieder ein paar Jahre Hausfrauendasein ins Land, in denen die
Frau weiter Selbstbewusstsein verliert und immer unsicherer wird.
Die Väter in diesem Buch, die bewusst viele Monate in Elternzeit gegangen sind,
sprechen übereinstimmend von »Verschwendung«, wenn ihre Frau nach Schulzeit,
Ausbildung oder Studium den Riesensack an Bildung und Wissen einfach über
Bord wirft. Ihnen ist klar: Eine ausgeglichene Frau, die Bestätigung auch außerhalb

der Familie erfährt, tut sich und dadurch auch Mann und Kindern gut.
Väter in Elternzeit werden Wiederholungstäter. Sie schwärmen davon, was ihnen
die intensive Zeit mit ihren Kindern gegeben hat: an Erfahrung und an Bindung.
Außerdem die Erkenntnis, dass es »das bisschen Haushalt« nicht gibt.

Sie möchten Familien mit Ihrem Buch auch Mut machen, den eigenen Weg zu finden und zu gehen – wodurch erreichen Sie das?
Durch die Vorbilder in diesem Buch und die Erkenntnis, wie wichtig es für Frauen
von heute ist, ihre Berufung, ihre Wünsche, ihre Ziele nicht einfach aufzugeben.
Unabhängigkeit steht und fällt mit einem Partner, der mitzieht. Das gilt es früh vor
einer festen Bindung zu klären. Viele Frauen denken immer noch, wenn erst einmal
ein Kind geboren ist, würden sie den Gatten schon dazu bekommen, viele Aufgaben
in Haushalt und Erziehung zu übernehmen.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mein Thema schlechthin und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich es endlich in einem Buch (Rabenmütter und Heimchenväter - Von Frauen mit Kind im Beruf und Männern in Elternzeit ISBN-13: 978-3862652112) aufarbeiten konnte. „

Antje Diller-Wolff: Rabenmütter und Heimchenväter - Von Frauen mit Kind im Beruf und Männern in Elternzeit
Das Buch erhalten Sie hier: